Harald Feller, ein Diplomat mit aussergewöhnlichem Schicksal

Als Gesandtschaftssekretär in Budapest rettete Harald Feller Jüdinnen und Juden sowie schwedischen Diplomaten das Leben, bevor er im Februar 1945 während der Befreiung der ungarischen Hauptstadt von Agenten des sowjetischen Geheimdienstes entführt wurde. Zusammen mit seinem Kollegen Max Meier, der kurz vor ihm aus Budapest entführt worden war, harrte er anschliessend ein Jahr lang in Stalins Gefängnissen in Moskau aus. Die beiden Schweizer sowie weitere Landsleute, die im Norden Polens und im Fernen Osten festgehalten wurden, konnten schliesslich 1946 nach langwierigen Verhandlungen des Eidgenössischen Politischen Departements (EPD) mit einer sowjetischen Militärdelegation in Bern in die Schweiz zurückkehren. Während seiner Abwesenheit wurde Feller von ehemaligen Kollegen und in der Presse schwer beschuldigt, woraufhin der Vorsteher des EPD, Bundesrat Max Petitpierre, eine Untersuchung anordnete. Die Untersuchung von Richter Jakob Kehrli entlastete ihn vollständig. Harald Feller verliess den diplomatischen Dienst 1949, also zehn Jahre nach seinem Eintritt. 

Schutz und Rettung der Jüdinnen und Juden in Budapest 

Sein Kollege Vizekonsul Carl Lutz war unter der Leitung des Schweizer Gesandten in Budapest, Maximilian Jaeger, zuständig für den Schutz der Jüdinnen und Juden aus Staaten, deren Interessen die Schweiz vertrat, sowie insbesondere jener Personen, die in das britische Mandatsgebiet Palästina auswandern wollten. Harald Feller wurde hingegen mit dem Schutz der Schweizer Jüdinnen und Juden und jenen mit Verbindungen zur Schweiz betraut. Er organisierte im Sommer 1944 die Rückführung von schweizerischen und liechtensteinischen Jüdinnen und Juden, wie er in einem zusammenfassenden Bericht beschrieb (dodis.ch/77372). Er bemühte sich zudem um die Rückführung jüdischer Schweizerinnen, die durch Heirat mit Ungarn ihre Staatsbürgerschaft verloren hatten. Das EJPD weigerte sich zwar, ihnen Einzelpässe (dodis.ch/77373) oder einen Sammelpass zu Schutzzwecken auszustellen (dodis.ch/77374, dodis.ch/77375). Dennoch war es mehreren von ihnen dank Identitätsbescheinigungen möglich, in die Schweiz zurückzukehren. Feller versteckte zudem Juden in seinem Wohnhaus. In der Kanzlei der Gesandtschaft gewährte er schwedischen Diplomaten auf der Flucht vor den ungarischen Nationalsozialisten (Pfeilkreuzlern) Asyl. Er selbst wurde von ihnen entführt, schwer misshandelt und verdankte sein Überleben nur einer frei erfundenen Drohung (dodis.ch/77426, S. 113–128). Eine Liste der von Feller geretteten Personen wurde 1946 erstellt (dodis.ch/77415). 

Von sowjetischen Agenten entführte oder festgehaltene Schweizerinnen und Schweizer 

Im Februar 1945 wurden Harald Feller, mittlerweile stellvertretender Geschäftsträger der Schweizer Gesandtschaft, und sein Kollege Max Meier in Budapest von Agenten des sowjetischen Geheimdienstes entführt und anschliessend nach Moskau gebracht. Feller schilderte seine Monate in Gefangenschaft im Lefortowo-Gefängnis in einem ausführlichen Bericht (dodis.ch/77380). In Elbing, im Norden Polens, wurden Karl Brandenberg, zwei weitere Konsularbeamte und etwa zehn Mitglieder der Schweizer Kolonie bei der Ankunft der sowjetischen Truppen Anfang 1945 festgenommen und nach Moskau gebracht. Im September desselben Jahres wurden Boris Bryner, der Leiter der Konsularagentur in Dairen, und seine Familie gewaltsam in die UdSSR in die Nähe von Wladiwostok verschleppt. Auch Brandenberg und Bryner verfassten Berichte über diese Ereignisse (dodis.ch/77378, dodis.ch/77381). 

Verhandlungen in der Schweiz und ein Austausch 

Im Juli 1945 traf eine Militärdelegation unter der Leitung von Generalmajor Wicharew in der Schweiz ein, um die Lage der sowjetischen Militärinternierten zu untersuchen und deren Rückführung zu organisieren. Die Delegation übte erheblichen Druck auf die Schweiz aus, alle Internierten in die UdSSR zurückzuschicken, während die Schweiz dringend die Wiederaufnahme der seit 1918 unterbrochenen diplomatischen Beziehungen wünschte (dodis.ch/W30539). Bei den Verhandlungen forderte die Schweizer Seite die Freilassung von Feller und Meier (dodis.ch/77376) sowie die Rückkehr von Brandenberg, seinen Kollegen und der Familie Bryner. Auf sowjetischer Seite forderte Wicharew die Auslieferung einer Handvoll wegen Straftaten inhaftierter Internierter sowie eines Ingenieurs und eines Militärpiloten, die sich weigerten, in die UdSSR zurückzukehren. Der Bundesrat nahm eine entschlossene Haltung ein (dodis.ch/77377). Die Sowjets schlugen daraufhin vor, die beiden Forderungen miteinander zu verknüpfen. Am 28. Dezember 1945 sah sich der Bundesrat jedoch mit einem Ultimatum von sowjetischer Seite konfrontiert (dodis.ch/53). Er akzeptierte schliesslich die sowjetischen Forderungen, ohne die Gewissheit zu haben, dass die Schweizer Gefangenen zurückkehren würden (dodis.ch/1340). 

Anklagen und Ermittlungen 

Die ehemaligen Kollegen von Feller und Meier wurden aus Budapest ausgewiesen und kehrten im Mai 1945 in die Schweiz zurück. Mehrere von ihnen verfassten Tätigkeitsberichte, darunter Carl Lutz, der eine Reihe von Vorwürfen gegen Feller erhob (dodis.ch/77420). Bundesrat Petitpierre beauftragte Jakob Kehrli, Richter am Obergericht des Kantons Bern, die Umstände und Gründe für die Entführung von Feller und Meier zu ermitteln. Kehrli befragte das gesamte Personal, das in Budapest tätig gewesen war. Er legte seinen Bericht Ende Juli 1945 vor (dodis.ch/18858). Dieser wurde jedoch aufgrund der damals laufenden Verhandlungen mit der sowjetischen Militärdelegation nicht veröffentlicht. Nach der Rückkehr von Feller und Meier forderte Lutz die Veröffentlichung einer Pressemitteilung über alle Aktivitäten der Schweizer Gesandtschaft in Budapest (dodis.ch/77379). Das EPD ging nicht darauf ein, da es die Anhörung von Feller und eine neue Untersuchung angeordnet hatte. Die 21 Vernehmungen von Feller (dodis.ch/77426) ermöglichen ein besseres Verständnis der dramatischen Zeit der Belagerung und Befreiung der Stadt durch die Rote Armee, welche fast 160'000 zivile und militärische Opfer forderte. Kehrli schloss seine Untersuchungen am 24. Juni 1946 ab (dodis.ch/78050). Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Ermittlungen von Richter Kehrli wurde 1948 erstellt (dodis.ch/77382). Feller wurde von allen Vorwürfen entlastet, verliess jedoch im folgenden Jahr den diplomatischen Dienst.