e-Dossier: 50 Jahre Niederschlagung des «Prager Frühlings»

Sowjetische Panzer auf dem Prager Wenzelsplatz. Das Foto dieser Besatzungsszene wurde dem Schweizer Botschafter Campiche zugespielt (dodis.ch/32516)

«Gerieten unter sowjetisches Feuer. Schüsse wurden auf Botschaftsgebäude gerichtet», kabelte die Schweizer Vertretung in Prag am 21. August 1968 um 11:30 Uhr nach Bern (dodis.ch/50871). Die Botschaft war damals im Palais Schwarzenberg untergebracht, unmittelbar vor den Toren des Hradschin, der Prager Burg. Als vor 50 Jahren Truppen des Warschauer Paktes handstreichartig die Tschechoslowakei besetzten, befanden sich die Schweizer Diplomaten im Epizentrum der dramatischen Ereignisse. Weshalb die Rotarmisten auf die Botschaft geschossen hatten, bleibt unklar. Auf wiederholte Proteste hin behauptete Moskau schliesslich, nicht eigene Truppen, sondern «Provokateure und ‹Diversanten›» seien für den Beschuss verantwortlich (dodis.ch/32184).

Hoffnungen und Ängste des «Prager Frühlings» 

Samuel Campiche war seit April 1967 Schweizer Botschafter in Prag. Von Beginn weg erlebte er die Reformbemühungen des neuen tschechoslowakischen Parteichefs Alexander Dubček, den wachsenden öffentlichen Zuspruch für ein umfassendes Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm, die «dynamische und überraschungsreiche Entwicklung» und den «Atem der Freiheit», der damals in der Luft lag (dodis.ch/50779). Der «Prager Frühling» von 1968 weckte Hoffnungen auf einen «Sozialismus mit menschlichem Antlitz». Er weckte auch Ängste. «Die grundlegende Frage, die sich heute in Prag alle mehr oder weniger offen stellen, ist es zu wissen, ob die UdSSR, wenn nötig, Gewalt einsetzen wird», berichtete Campiche im Juli 1968 nach Bern (dodis.ch/6180).

«Gefühle ganz auf der Seite des tschechischen Volkes»

Als am frühen Morgen des 21. August Panzer unter Campiches Schlafzimmerfenster vorbeirollten, war klar, dass der Kreml gewillt war, die Reformbewegung in der ČSSR mit seiner geballten Militärmacht niederzuwalzen (dodis.ch/32516). «Infolge der Verschwörung der imperialistischen Kräfte und der Reaktion» und angesichts der «Bedrohung des Friedens» hätten sich die Sowjetunion und ihre Verbündeten – auf Bitten der tschechoslowakischen Regierung – zur Intervention entschlossen, erörterte der sowjetische Geschäftsträger in Bern wenige Stunden später die Ereignisse gegenüber Bundespräsident Willy Spühler. Dieser entgegnete kritisch, Mitteilungen aus der Tschechoslowakei sprächen von einer Okkupation. «Der Geschäftsträger werde wohl nicht im Zweifel darüber sein, dass die Gefühle des Schweizervolks ganz auf der Seite des tschechischen Volkes seien» (dodis.ch/32192).

Die «brutalen und gemeinen Russen»

Noch am selben Tag gab der Bundeskanzler im Namen der Landesregierung eine Erklärung ab. Das «Schweizervolk» habe den «unzweideutigen Wunsch» der tschechoslowakischen Bevölkerung nach «grösseren Freiheiten auf dem Gebiete der persönlichen Rechte» in den letzten Monaten «mit Sympathie aufgenommen» und müsse sich «heute mit Besorgnis fragen, ob Unabhängigkeit und Lebensrechte der kleinen Länder in der heutigen Welt neuerlich bedroht sind» (dodis.ch/49267). Es kam zu heftigen Anfeindungen an die Adresse der «brutalen und gemeinen Russen» – so der Protestbrief einer empörten Bürgerin an die Sowjetbotschaft (dodis.ch/32195). Diplomaten wurden belästigt, die sowjetische Handelsbank sowie die Aeroflot-Filiale in Zürich von Vandalen heimgesucht, der Pilot eines Linienflugzeugs aus Moskau vom Kontrollturm in Kloten beschimpft (dodis.ch/32194).

Kein Abbruch der Beziehungen

Vielerorts wurde der Abbruch sämtlicher Beziehungen zu den Staaten des Warschauer Paktes gefordert. Der Bundesrat verwahrte sich gegen solche Massnahmen. Mehrmals mahnte Spühler vor dem Parlament zur «Ruhe und Überlegtheit». «Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion würde nur dazu beitragen, deren Volk in seiner Isolierung zu belassen», so der Bundespräsident. «Allein nicht wir haben die Kontakte zu fürchten, sondern jene, welche die Freiheit unterdrücken» (dodis.ch/32187). Gerade der «Prager Frühling» habe «eindeutig erwiesen, dass die Erweiterung und Vertiefung der Beziehungen mit der übrigen Welt die Auflockerung und das Bedürfnis nach neuen geistigen Horizonten eminent gefördert hat» (dodis.ch/50874).

«Weitherzige Gastfreundschaft» für 11 000 Flüchtlinge

Die Welle der Solidarität gegenüber der Tschechoslowakei äusserte sich auch in einer sehr grosszügigen Aufnahmepraxis gegenüber Flüchtlingen. Am 30. August 1968 entschloss das Eidg. Justiz- und Polizeidepartement «grundsätzlich jedem Tschechoslowaken, unabhängig davon, ob er um Asyl nachsuche oder nicht, in der Schweiz mindestens vorübergehend Aufnahme zu gewähren». Das «vollständige Öffnen der Grenzen» führte zu einem «Ansturm auf unsere Auslandsvertretungen» sowie auf die «Grenzsammelstellen» in St. Margrethen und Buchs (dodis.ch/33048). Mit ihrer «weitherzigen Gastfreundschaft» (dodis.ch/50874) wurde die Schweiz zum wichtigsten Aufnahmeland im europäischen Raum. Bis 1970 gewährte die Fremdenpolizei 11 000 Tschechoslowakinnen und Tschechoslowaken politisches Asyl (dodis.ch/35677).

 

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