e-Dossier: Genfer Gipfelkonferenz 1955

Es waren keine geringeren als die Führer der Grossmächte, die sich in Genf trafen. Am 18. Juli 1955, vor 60 Jahren, begann die Konferenz der «Grossen Vier»: US-Präsident Dwight D. Eisenhower, der sowjetische Ministerpräsident Nikolai A. Bulganin, sowie Antony Eden und Edgar Faure, der britische respektive französische Premierminister, kamen in der internationalen Stadt zusammen.  

«Warmer Empfang» durch den Bundespräsidenten
Verhandelt wurde in Genf zwischen dem 18. und dem 23. Juli – zuerst auf Ebene der Regierungschefs, später der Aussenminister John Foster Dulles, Wjatscheslaw M. Molotow, Harold Macmillan und Antoine Pinay – über Fragen der europäischen Sicherheit, der Abrüstung und die Wiedervereinigung Deutschlands. Um die Unversehrtheit der hochkarätigen Konferenzteilnehmer zu gewährleisten, stellte der Kanton Genf zusammen mit der Eidgenossenschaft ein aufwändiges Sicherheitsdispositiv auf (dodis.ch/12794). Die Regierungschefs wurden bei ihrer Ankunft am Flughafen vom Bundespräsidenten Max Petitpierre begrüsst (dodis.ch/13176). Für den «warmen Empfang» bedankte sich Eisenhower in einem persönlichen Schreiben (dodis.ch/12854, Original englisch). 

Hoffnungen auf Frieden und Wohlstand
Am 21. Juli gab der Bundesrat im Genfer Palais Eynard ein Dîner, an dem neben den «Grossen Vier» und ihren Aussenministern auch UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld, der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow sowie zahlreiche Minister, Diplomaten und Militärs als auch die Präsidenten von National- und Ständerat und der Bürgermeister von Genf teilnahmen (dodis.ch/12856). In seiner Tischrede drückte Petitpierre gegenüber den Gästen die Hoffnung aus, «dass Sie sich vom Vertrauen derer getragen fühlen, die, über die Grenzen der Nationalstaaten hinweg, inbrünstig hoffen, dass Ihre Konferenz ein Wendepunkt, […] der Beginn einer Zeit sei, in der die Völker und Regierungen ihre Verschiedenheit überwinden und ihre Bemühungen im gemeinsamen Kampf für Frieden und Wohlstand vereinigen» (dodis.ch/12855, Original französisch). 

Unüberbrückbare Gegensätze trotz «Entspannung»
Es war der Höhepunkt der sogenannten «Entspannungspolitik» in dieser frühen Phase des Kalten Kriegs: In Korea hatten sich die Kontrahenten 1953 über einen Waffenstillstand einigen können und 1955 bekam Österreich – als neutraler Staat – die Unabhängigkeit zugestanden. Der freundschaftliche «Geist von Genf» verhinderte allerdings nicht, dass die Meinungen der Konferenzteilnehmer diametral auseinandergingen. In keinem der zentralen Diskussionspunkte konnte eine Einigung erzielt werden. Im Herbst sprach Petitpierre rückblickend davon, die «euphorische Atmosphäre» sei ihm «merkwürdig gekünstelt» erschienen (dodis.ch/32114, Original französisch). 

Die Zukunft des «Geists von Genf»
Im Oktober 1955 wurde anlässlich einer neuen Aussenministerkonferenz der Grossmächte in Genf der «Geist» der Juli-Konferenz auf den Prüfstand gestellt (dodis.ch/10955). Sie blieb ebenfalls ohne konkrete Resultate. Der Generalsekretär des Politischen Departements (EPD, heute EDA), Alfred Zehnder, verfasste für seinen Chef Petitpierre im November eine Analyse der internationalen Lage, die er auf persönliche Besprechungen mit Pinay (dodis.ch/12434) und Macmillan (dodis.ch/13134) abstützen konnte. «Man hat vielleicht geglaubt, das schon fast menschliche sowjetische Verhalten bedeute schon die russische Kapitulation vor dem Westen», doch – so Zehnder weiter – man müsse sich darüber im Klaren sein, dass dieser Zeitpunkt noch weit entfernt sei.

Dennoch gab sich der oberste Diplomat hoffnungsvoll: «Der Geist von Genf ist also kein Schreckgespenst, sondern eine fruchtbare Idee, und wie alle Ideen braucht der Geist von Genf Zeit, um in die Politik der beteiligten Länder eindringen zu können» (dodis.ch/10994, Original französisch).