e-Dossier: 50 Jahre Sechstagekrieg –  die Rolle der Schweiz

Karikatur aus einer ägyptischen Zeitschrift, die kurz vor Beginn des Sechstagekriegs veröffentlicht wurde.

Es war eine für diplomatische Gepflogenheiten höchst aussergewöhnliche Demarche. Gleich acht arabische Missionschefs sprachen am 6. Juni 1967 bei Bundesrat Willy Spühler vor und protestierten heftig gegen die einseitig «antiarabische Tendenz» von Schweizer Öffentlichkeit und Presse: «Dies widerspricht dem Geist der schweizerischen Neutralität», so die Botschafter. Die Schweiz habe in den arabischen Ländern beträchtliche Interessen, geniesse das Vertrauen der Öffentlichkeit und gelte als Musterbeispiel eines neutralen Landes. «Damit diese segensreiche Rolle der Schweiz weiterhin gewährleistet bleibe, bitten wir Sie, Herr Bundesrat, mitzuhelfen, die gegenwärtige antiarabische Tendenz [...] einzudämmen», so die diplomatisch verpackte Drohung (dodis.ch/33280). 

Für «David», gegen «Goliath» 

Am Vortag hatte mit dem israelischen Überraschungsangriff auf Ägypten der Sechstagekrieg (dodis.ch/T901) begonnen. Ein rascher Sieg ermöglichte es den israelischen Streitkräften den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, das Westjordanland sowie die Golanhöhen unter ihre Kontrolle zu bringen. Die grossen Sympathien der Schweizer Bevölkerung für den israelischen «David» und seinen Kampf gegen den arabischen «Goliath» schwollen damals zu einer regelrechten Euphorie an. Vor diesem Hintergrund erschien ein am 5. Juni 1967 publiziertes Communiqué des Bundesrats missverständlich formuliert. Die Landesregierung äusserte zwar ihre «Bestürzung» über die jüngsten Ereignisse und stellte für die Wiederherstellung des Friedens die traditionellen «Guten Dienste» ihrer Diplomatie in Aussicht. 

Pro-israelisches Communiqué des Bundesrats? 

Im letzten Passus hiess es dann allerdings: «Der Bundesrat fühlt sich einig mit dem Empfinden des Schweizervolkes, dem in diesen Tagen erneut und stark bewusst geworden ist, dass der neutrale Kleinstaat in der Treue zum Recht und in der Bekräftigung seines entschlossenen Wehrwillens die erste Voraussetzung zur Sicherung seiner Existenz und seiner Lebensrechte findet» (dodis.ch/33961). «In diesem Text ist doch mit dem genannten ‹Kleinstaat› Israel und nicht die Schweiz gemeint», warf der libanesische Botschafter dem Bundesrat vor: «Jedermann hat dies so interpretiert». Aussenminister Spühler verwehrte sich gegen diese Fehldeutung und bemühte sich, den Unterschied zwischen der Neutralitätspflicht des Staates und der Meinungs- und Pressefreiheit seiner Bürger darzulegen (dodis.ch/33280).  

Genfs internationale Rolle in Gefahr 

Der dritte arabisch-israelische Konflikt hatte die diplomatischen Empfindlichkeiten drastisch erhöht. Die Schweiz blieb weiter unter Druck. Analog zur Demarche in Bern übergaben die arabischen Vertreter in Genf dem Generaldirektor des dortigen UNO-Büros eine Protestnote. Die Parteinahme der Schweizer Öffentlichkeit «widerspreche ganz offensichtlich den Prinzipien der Neutralität, die entscheidend für die Wahl Genfs» als Sitz der Weltorganisation gewesen seien (dodis.ch/49522). Der Schweizer Beobachter bei der UNO in New York schlug Alarm: «Man müsste sich nicht mehr wundern, wenn die arabischen Staaten [...], von den Österreichern geschickt orchestrierte Bestrebungen lostreten würden», Wien als UNO-Standort gegenüber Genf massiv aufzuwerten (dodis.ch/49523).

Fremde Interessen und humanitäre Hilfe 

Trotz aller Kritik blieb die Schweiz gefragt: Nach Beilegung der Kriegshandlungen wurde das neutrale Land gebeten, als Schutzmacht die Interessen derjenigen Staaten zu vertreten, die auf Grund der Krise die Beziehungen zueinander abgebrochen hatten (dodis.ch/33679). Ebenso bemühte sich der Bundesrat, bei der Bewältigung der humanitären Folgen des Konflikts einen Beitrag zu leisten (dodis.ch/33950 und dodis.ch/33953). Eine aktive Vermittlerrolle wollte die schweizerische Diplomatie dagegen von Beginn weg nicht wahrnehmen. Mit Verweis auf den gescheiterten Friedensappell während der Suezkrise (vgl. e-Dossier) wurden dahingehende Vorschläge zurückgewiesen (dodis.ch/33278). Auch der UNO wurde nicht das Potential eingeräumt, im aktuellen Konflikt eine Lösung herbeiführen zu können. 

Ein Schweizer repräsentiert den UNO-Generalsekretär 

Entsprechend kam die Anfrage des Generalsekretärs der Vereinten Nationen im August 1967 überraschend. U Thant bat den Bundesrat um die Zurverfügungstellung des Spitzendiplomaten Ernesto Thalmann, um in seinem Auftrag der UNO-Generalversammlung einen Bericht über die Lage in Jerusalem zu erstatten (dodis.ch/32620). Rasch stimmte der Bundesrat der prestigeträchtigen Aufgabe zu. Thalmann wurde für zwei Wochen als U Thants persönlicher Repräsentant nach Jerusalem delegiert (dodis.ch/32897 und dodis.ch/33530). Die Schweizer Diplomatie konnte die «Mission Thalmann» als Erfolg verbuchen. Sie belegte, dass die «Guten Dienste» der neutralen Schweiz nach wie vor geschätzt wurden und konnte das ramponierte Image bei den arabischen Staaten aufpolieren (dodis.ch/33287).